Du liebst deinen Job. Du trägst Verantwortung. Du willst liefern, für dein Team, für deine Organisation, für dich selbst. Genau das macht dich gut in dem, was du tust.
Ein Blog-Post von Andrea Egli
Und genau das kann dich langfristig kaputtmachen.
Es gibt einen Begriff dafür, der aus der Arbeits- und Organisationspsychologie stammt: interessierte Selbstgefährdung. Er beschreibt ein Verhalten, das im Alltag kaum auffällt, weil es so aussieht wie Engagement, Zuverlässigkeit, Leistungsbereitschaft. Weil es belohnt wird. Weil es sich anfangs sogar richtig anfühlt.
Was interessierte Selbstgefährdung bedeutet
Stell dir vor, du arbeitest krank. Nicht weil du musst, sondern weil du nicht loslassen kannst. Du bist immer erreichbar. Überstunden sind längst kein Ausnahmefall mehr, sondern dein Normalzustand. Pausen? Fühlst du dich dabei schlechter als beim Durcharbeiten.
Das ist nicht Disziplin. Das ist Selbstgefährdung aus eigenem Antrieb.
Der Begriff ist präzise, weil er das Paradoxon benennt: Du gefährdest dich nicht aus äusseren Zwängen, sondern aus innerer Überzeugung. Du identifizierst dich mit deiner Arbeit. Du investierst freiwillig und überdurchschnittlich. Und du vernachlässigst dabei dauerhaft deine eigenen Bedürfnisse.
Das Heimtückische ist, dass die Umgebung dieses Verhalten verstärkt. Wer durchhält, gilt als verlässlich. Wer Pause macht, wirkt angreifbar. So entsteht ein System, das Erschöpfung kultiviert, bis der Körper oder die Psyche sagt: Stopp.
Warum Führungskräfte besonders gefährdet sind
Führung ist ein Spannungsfeld. Du sollst Leistung einfordern und gleichzeitig ein gesundes Arbeitsumfeld schaffen. Du sollst belastbar bleiben und deinem Team Rückhalt geben. Du sollst strategisch denken und gleichzeitig operativ handeln.
Das ist keine Übertreibung. Das ist der Alltag.
Hinzu kommen psychologische Muster, die Führungskräfte besonders anfällig machen: das Bedürfnis nach Wirksamkeit, die Angst, die Kontrolle zu verlieren, der Wunsch, nicht zu enttäuschen und die tief verankerte Neigung, sich selbst zu überfordern, um als leistungsstark zu gelten.
In agilen und komplexen Kontexten verschärft sich das. Entscheidungen müssen schnell getroffen werden. Der Druck ist konstant. Die Rollenerwartungen sind diffus. Wer hier keine klare innere Führung hat, verliert sich im Aussen.
Die ersten Anzeichen kommen schleichend. Erschöpfung. Schlafstörungen. Konzentrationsprobleme. Körperliche Beschwerden. Und dann die Scham. Denn wer sich als stark erlebt und für andere da ist, will sich die eigene Erschöpfung nicht eingestehen.
Resiliente Selbstführung als Antwort
Der Ausweg aus der interessierten Selbstgefährdung beginnt nicht mit einem neuen Tool. Nicht mit einer weiteren App, einem Produktivitätssystem oder einer Optimierungsmethode. Er beginnt mit einer Haltung.
Resiliente Selbstführung bedeutet, sich selbst mit der gleichen Aufmerksamkeit zu begegnen, die du anderen entgegenbringst. Es ist die Fähigkeit, mit sich selbst eine gesunde Beziehung aufzubauen. Innere Klarheit zu schaffen. Persönliche Ressourcen gezielt zu aktivieren – nicht zur Selbstoptimierung, sondern zur Selbstfürsorge.
Vier Kernkompetenzen tragen das:
Selbstwahrnehmung. Sie ist der Anfang. Wer frühzeitig erkennt, was körperlich und emotional gerade los ist und sich erlaubt, ehrlich damit zu sein kann gegensteuern, bevor es zu spät ist.
Selbstverantwortung. Das ist die Fähigkeit, Entscheidungen im Einklang mit den eigenen Werten zu treffen, gesunde Grenzen zu setzen und für die eigene Energie zu sorgen, bevor der Akku leer ist. Nicht aus Egoismus, sondern als Grundvoraussetzung für Wirksamkeit.
Selbstregulation. Druck, Unsicherheit, intensive Emotionen gehört zu Führung dazu. Wer Stressreaktionen erkennt und steuern kann, baut Mikropausen und Regenerationsinseln in den Alltag ein. Nicht als Luxus, sondern als Strategie.
Selbstmitgefühl. Den eigenen Perfektionismus hinterfragen. Fehler als Teil des Lernprozesses akzeptieren. Mit sich selbst so umgehen, wie man es mit einer guten Freundin oder einem guten Freund tun würde. Das ist keine Weichheit. Das ist Stärke.
Was das in der Praxis bedeutet
Wer andere führen will, muss sich selbst führen können. Das klingt bekannt. Es wird trotzdem selten konsequent gelebt.
In einer VUCA-Welt, die volatil, unsicher, komplex, mehrdeutig ist, brauchen Organisationen nicht nur leistungsfähige, sondern widerstandsfähige Führungskräfte. Resilienz ist kein persönliches Extra. Sie ist ein strategischer Erfolgsfaktor.
Und sie hat direkte Auswirkungen auf das Team. Wer sich selbst gut führt, priorisiert klarer. Kommuniziert authentischer. Hält Druck standhafter aus. Und schafft damit die Grundlage für psychologische Sicherheit, Vertrauen und nachhaltige Zusammenarbeit.
Vier konkrete Einstiegspunkte
Du musst nicht alles auf einmal ändern. Fang mit einem Schritt an.
Tägliche Check-ins mit dir selbst. Starte mit einer kurzen Reflexion: Wie geht es mir gerade? Was brauche ich heute, um gut durch den Tag zu kommen? Zwei Minuten. Jeden Morgen. Diese kleine Routine schärft die Selbstwahrnehmung über Wochen hinweg spürbar.
Grenzen, die du einhältst. Lern, Nein zu sagen, bevor du in die Situation kommst, in der du es sagen musst. Pufferzeiten im Kalender. Feste Blöcke für konzentriertes Arbeiten. Grenzen funktionieren nicht reaktiv, sie müssen proaktiv gesetzt werden.
Wöchentliche Reflexion. Fünfzehn Minuten, einmal pro Woche: Was lief gut? Was hat Energie gekostet? Was brauche ich nächste Woche? Führung beginnt mit innerer Klarheit und die entsteht nicht von selbst.
Das innere Team kennen. Welche inneren Anteile übernehmen das Steuer, wenn es stressig wird? Der Antreiber, der nie genug tut? Der Helfer, der sich nicht abgrenzen kann? Der Kritiker, der jeden Fehler kommentiert? Je bewusster du dein inneres System führst, desto souveräner zeigst du dich im Aussen.
Interessierte Selbstgefährdung trifft keine schwachen Menschen. Sie trifft Menschen, die ihren Beruf mit Herzblut ausüben. Die anpacken. Die liefern wollen.
Genau deshalb ist es so wichtig, früh hinzuschauen.
Fang heute Abend an. Schreib drei Dinge auf, die dir heute Energie gegeben haben und drei Dinge, die dir Energie genommen haben. Diese eine Übung bringt dich aus dem Autopiloten raus. Und sie ist der erste Schritt zu einer Führung, die trägt. Für dich. Und für dein Team.
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Autorin ist Andrea Egli, ein flowdays friend und Resilienz Coach in agilen Umfeldern
Flowdays begleitet Führungskräfte und Teams in komplexen Arbeitsumgebungen, mit Coaching, Weiterbildung und gezielter Transformation. Wenn du das Thema resiliente Selbstführung vertiefen möchtest, schreib uns.
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