Was hat es mit dem Licensed Scrum Program von Scrum Inc. auf sich und braucht es tatsächlich noch eine Scrum Zertifizierung?

[Disclaimer: Vorweg muss erwähnt werden, dass ich selber LST (Licensed Scrum Trainer) bin, mir aber gerade deswegen grösste Mühe gebe, das Thema so neutral wie möglich zu beleuchten. Danke auch an den Scrum.org Trainer Peter Gfader für Input zu diesem Blog]

Braucht es überhaupt eine Scrum Akkreditierung?

Nein, tut es nicht. Sind wir ehrlich, ein Scrum Zertifikat bedeutet nicht, dass man Scrum beherrscht, geschweige denn versteht. Der Besitz eines Führerscheins bedeutet ebenso wenig, dass man ein Auto lenken kann - man darf es aber zumindest.

Gewisse elektrische Installationen im eigenen Heim muss man von Gesetzes wegen von einem zertifizierten Elektriker ausführen lassen. Die Buchhaltung der meisten Aktiengesellschaften muss zwingend von einer zertifizierten Revisionsstelle geprüft werden. Etwas ähnliches, im Gesetz festgehaltenes, gibt es für Scrum Master oder Product Owner nicht. Viele Firmen machen sich das aber selbst zur Regel und benutzen das Zertifikat als erste Hürde oder zumindest als Hinweis inwiefern sich ein potentieller Kandidat für das Thema Agilität und Scrum interessiert. Selbstverständlich darf ein Zertifikat niemals auch nur im Ansatz ein Bewerbungsgespräch ersetzen.

Auch als alter Hase auf diesem Gebiet und als lizenzierter Scrum Trainer (LSM) lerne ich heute noch viel über Scrum. Jedes Mal wenn ich mich darüber mit jemandem unterhalte - wie eben beim Mittagessen mit einem Freund - gewinne ich neue Einsichten und Erkenntnisse. Das ganze nahm seinen Anfang zwar schon vor weit mehr als zwei Dekaden aber so richtig in Fahrt kam ich erst mit Scrum, nachdem ich den Certified ScrumMaster Kurs mit Jeff Sutherland 2010 machte. Es war richtiggehend ein Startschuss für mich.

Nochmal, ein anerkanntes Zertifikat sein Eigentum zu nennen bedeutet nicht, dass man Scrum Experte ist. Es bedeutet aber, dass man (je nach Zertifikat, siehe unten) sich mindestens zwei Tage lang mit einem akkreditierten Experten und vielen Gleichgesinnten über das Thema in potentiell tiefgehenden Gesprächen unterhalten hat.

Überblick

Selbstverständlich gibt es auch unter den Scrum Zertifikaten solche, die als nichts anderes als Scharlatanerei abgetan werden müssen. Ganz peinliche gibt es darunter die man extrem einfach online beziehen kann, die aber von äusserst zweifelhafter Qualität und ausserdem oft ziemlich teuer sind. Fast so als würde man einen Führerschein im Automaten ziehen. Wo Geld fliesst scheint das nicht vermeidbar zu sein. Leider. Ich will diese gar nicht beim Namen nennen - würde einfach ganz generell davon abraten. Wirklich wertvoll sind in meinen Augen die Zertifikate [1] der folgenden drei Organisationen:

  • Scrum Alliance – die erste und älteste Autorität auf dem Gebiet der Scrum Akkreditierungen. Gegründet anfangs 2000er [2] von Ken Schwaber, dem Mann der an der Seite von Jeff Sutherland an der OOPSLA Konferenz 1995 Scrum zum ersten Mal vorstellte. Die Zertifizierungen heissen “Certified ScrumMaster” (CSM) und “Certified Scrum Product Owner” (CSPO).

  • Scrum.org – 2009 gegründet durch Ken Schwaber, nachdem er sich unmittelbar vorher mit der Scrum Alliance überworfen und diese verlassen hatte [3] [4] [5]. Die Zertifizierungen heissen “Professional Scrum Master” (PSM) und “Professional Scrum Product Owner” (PSPO).

  • Scrum Inc. – 2006 gegründet durch Jeff Sutherland, dem Erfinder von Scrum. Die Zertifizierungen, die es neu seit diesem Herbst gibt, heissen “Licensed Scrum Master” (LSM) und “Licensed Scrum Product Owner” (LSPO).

Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Gemeinsam ist den Zertifizierungen dieser drei Organisationen mehr oder weniger die Qualität. Für alle gilt ausserdem, dass der Scrum Guide von Jeff und Ken die Basis dessen bildet, was gelehrt und anschliessend auch geprüft wird.

Um CSM und CSPO zu werden, muss man einen 2-Tages Kurs nehmen der zwingend von einem Certified Scrum Trainer (CST) geleitet wird. CST zu werden ist recht schwierig und das ist auch gut so. Es hilft, die Qualität hochzuhalten, was bei einer so massiven Organisation wie der Scrum Alliance nicht immer einfach ist. Der Prozess hin zum CST wird jedoch auch gleichzeitig oft als protektionistisch und intransparent bezeichnet. Das war auch mit ein Grund, dass Ken Schwaber die Scrum Alliance 2009 verlassen hat. Auch dass man seine CSM bzw. CSPO Lizenz alle zwei Jahre für USD 100 erneuern muss stösst regelmässig auf Kritik.

Scrum.org macht es anders. Mann muss nicht unbedingt einen Kurs mit einem erfahrenen Trainer besuchen um den PSM bzw. den PSPO zu bekommen, auch wenn das von Scrum.org wärmstens empfohlen wird. Man muss “lediglich” einen Online-Test bestehen. Dieser ist dafür umfassender und schwieriger als der Test im Anschluss an den CSM/CSPO Kurs [6]. Der Test an sich kostet $150 und muss nicht jedes zweite Jahr erneuert werden. Es gibt passende Kurse zu den PSM & PSPO Zertifizierungen, diese kann jeder durchführen. Es braucht keine spezielle Zertifizierung dafür wie bei der Scrum Alliance und Scrum Inc. Probetests gibt es viele im Internet. Diesen zum Beispiel. Weil dazugehörige Kurse nicht obligatorisch sind kostet ein PSM bzw. PSPO Zertifikat alles in allem markant weniger als die entsprechenden Zertifikate der Scrum Alliance und von Scrum Inc. Ohne Kurs kann man diese beiden Zertifikate selbstverständlich auch umgehend erwerben. Im Internet findet man viel Hilfe und Hinweise wie man möglichst schnell zum erfolgreichen Abschluss kommt [5] [6]. Die Gefahr ist natürlich da, das dabei das Zertifikat zum Ziel mutiert und das Lernen bzw. verstehen von Agilität und Scrum in den Hintergrund rutscht. Ausserdem ist es beim PSM und PSPO leider auch ziemlich einfach zu mogeln. Ich habe probeweise auf Fiverr.com eine Anbieterin von “Hilfe für das PSM Zertifikat” angeschrieben und gefragt ob sie den Test für mich machen könnte. Die Antwort kam postwendend “Selbstverständlich! Für $130 mache ich den Test für dich innerhalb von 24 Stunden”. Etwas später hiess es dann auch “Heute habe ich bereits 4 solche Tests erfolgreich durchgeführt, ich brauch nur dein Scrum.org Login und Passwort und mache dann den Test für dich”. Sehr schade für das Zertifikat.

2019-09-25 11_16_44-Fiverr _ Inbox (marked).png

Scrum Inc. ist bei den Zertifizierungen der Neuankömmling auf dem Markt. Dafür ist man mit Jeff Sutherland, der einflussreichsten Person in Sachen Scrum, direkt an der Quelle. In vielen Belangen ist der Prozess ähnlich wie bei der Scrum Alliance. Es ist jedoch zu erwarten, dass sich da noch einiges tun wird. Um LSM oder LSPO zu werden muss man ebenfalls einen zweitägigen Kurs besuchen - mit Anwesenheitspflicht, wie bei der Scrum Alliance - und anschliessend einen online Multiple Choice Test bestehen. Auch hier müssen diese Kurse von zertifizierten Kursleitern, den Licensed Scrum Trainern (LST) durchgeführt werden. Die aktuellen LSTs sind alle von Jeff persönlich auserwählt worden. Die meisten von ihnen haben viele Trainings mit Jeff zusammen durchgeführt. In meinem Fall sind dies 22 Stück - hauptsächlich CSM Kurse.

Wieso hat sich Scrum Inc. nun zu diesem Zug entschieden und eine neue Akkreditierung auf den Markt geworfen? Es gibt ein paar Ursachen dafür. Dazu gehört auch eine gewisse Unzufriedenheit mit der Scrum Alliance und den bereits oben erwähnten Gründen die auch Ken zum Absprung geführt haben. Jeff’s Einfluss auf den Inhalt der Scrum Trainings der Scrum Alliance ist über die Jahre geschwunden. Heute kann er das nur noch indirekt über den Scrum Guide tun und auch das nur sehr begrenzt. Zum Beispiel ist Jeff der Meinung, dass in den Trainings mehr Gewicht auf Lean Prinzipien gelegt werden sollte. Auch sollte die Skallierung mittels Scrum heute in jeder Schulung zum Thema gemacht werden findet Jeff. Die Lernziele des Licensed Scrum Program’s von Scrum Inc. sind entsprechend anders ausformuliert als die der Scrum Alliance.

Es gibt noch ein paar andere praktische Punkte. Zum Beispiel überschneiden sich die CSM und CSPO Kurse inhaltlich zu einem grossen Teil. Wenn man aber beide Zertifizierungen haben möchte, muss man zwei Mal zwei Tage investieren obwohl im zweiten Kurs sehr viel Wiederholung vom ersten ist. Beim LSP (im Gegensatz zum CSPO) ist es möglich diese Wiederholung nicht machen zu müssen, indem man zum Beispiel mit einem 2-Tages LSM beginnt und später einen speziellen 1-Tages “LSPO” macht der speziell auf Teilnehmer zugeschnitten ist, die bereits den LSM haben.

Im Licensed Scrum Program wird sich wie gesagt noch viel tun und wir von flowdays haben keinen unwesentlichen Einfluss darauf wohin die Reise gehen wird.

Der Markt spielt / Konkurrenz ist gut

Ein bisschen Dynamik ist sicherlich gut und für drei seriöse Lizenzen ist auch Platz auf dem Markt. Ich denke es ist positiv, dass die Scrum Alliance nach 2009 ein zweites Mal wachgerüttelt wird - sie kann sich dadurch nur verbessern. Währenddessen haben die Kunden mehr Wahlfreiheit.

Angebot von flowdays

Wir haben seit diesem Herbst LSM und LSPO Kurse in unserem Programm. Wir können auch Kurse anbieten die es den Teilnehmern ermöglichen im Anschluss und in Eigenregie den PSM oder PSPO zu bestehen. Evtl. werden wir in Zukunft auch eigene CSM und CSPO Kurse durchführen. So oder so ist man - so sind wir überzeugt und unsere Kunden geben uns regelmässig recht - bei uns an der richtigen Adresse, wenn man lernen will was es mit der Agilität und Scrum auf sich hat - ob nun mit oder ohne Zertifikat!

Fussnoten und Referenzen:

  1. Die Beschreibung hier ist stark vereinfacht. Tatsächlich sind die Programme einiges komplizierter. Die Scrum Alliance kennt insgesamt 13 verschiedene Zertifizierungen. Scrum.org hat 9 davon.

  2. So genau kann man das seltsamerweise nicht sagen. Auf der Scrum Alliance Seite steht 2001. Auf vielen andere Seiten wie zum Beispiel Wikipedia heisst es das Gründungsjahr wäre 2002. Ken Schwaber selbst wiederum schreibt in diesem interessanten Blogpost (der übrigens auch noch mehr über seine Gründe die SA zu verlassen erzählt) es sei 2004 gewesen.

  3. Scrum Framework History

  4. “Greed and Control Can Ruin an Industry and Movement” [Ken Schwaber]

  5. “How certification paths divided the organisations of agile and scrum”

  6. Difference between PSM and CSM

  7. My PSM I Exam Experience

  8. Bei Udemy gibt es 10’000 Hits wenn man nach “PSM I Certification” sucht

Comment